Modul 1 · 60 Minuten · 5 Häppchen
Was ist KI eigentlich
Bevor du KI nutzt, musst du wissen, was sie ist. Nicht weil dich das zur Expertin oder zum Experten macht, sondern weil du dich sonst verschätzst — und dich von KI verschätzen lässt.
1.Ein Sprachmodell hat kein Wissen
12 MinWenn du Claude oder ChatGPT eine Frage stellst, denkt das Modell nicht nach. Es hat in seinem Training Milliarden von Sätzen gesehen und macht eine Schätzung: welches Wort kommt als nächstes wahrscheinlich?
Stell dir vor, jemand hat dir tausend Bücher vorgelesen und du sagst jetzt Wort für Wort weiter, was als nächstes wahrscheinlich kommt. Du verstehst nicht unbedingt, was du sagst. Du klingst nur so, als würdest du.
Das ist nicht wenig. Diese Schätzung kann erstaunlich gut sein. Aber sie ist eben das: eine Schätzung. Kein Wissen. Kein Nachschlagen. Keine Quelle.
Reflexion
Hast du KI bisher eher wie eine Suchmaschine behandelt, oder wie ein Gegenüber? Beides ist nicht ganz richtig. Was wäre eine bessere Metapher für dich?
2.Wo KI gut ist
10 MinSprachmodelle sind sehr gut bei Aufgaben, die Sprache umformen oder erweitern, ohne dass es auf eine ganz bestimmte Wahrheit ankommt:
- Einen Brief höflicher umschreiben
- Aus Stichworten einen ganzen Text bauen
- Eine Idee auf zehn Arten variieren
- Eine fremde Sprache übersetzen
- Komplizierten Text in einfachere Sätze bringen
- Eine Mail entwerfen, die du dann selber durchgehst
Bei diesen Aufgaben ist die Schätzung gut genug, weil viele richtige Antworten möglich sind. Du nimmst die, die am besten zu dir passt.
Reflexion
Welche dieser Aufgaben hast du schon mal selbst gemacht und fandest sie anstrengend? Genau bei der könnte KI dir helfen.
3.Wo KI gefährlich wird
12 MinSprachmodelle werden gefährlich, wenn es auf genau eine richtige Antwort ankommt:
- Konkrete Zahlen, Daten, Namen ohne Quelle
- Medizinische Auskunft
- Juristische Auskunft
- Aktuelle Ereignisse jenseits des Trainings-Zeitpunkts
- Mathematik mit präzisem Ergebnis
Hier neigt das Modell zur sogenannten Halluzination — es erfindet Antworten, die plausibel klingen. Mit Selbstbewusstsein. Ohne Hinweis, dass es geraten hat. Das ist die Stelle, an der KI Menschen schadet, die ihr blind vertrauen.
Konkretes Beispiel: Wenn du fragst „Welche Studie zeigt, dass Aspirin gegen Migräne hilft?", kann das Modell dir eine Studie nennen, die nicht existiert. Mit Autor, Jahr, Zeitschrift. Alles erfunden.
Reflexion
Welche Frage würdest du auf gar keinen Fall ohne menschliche Prüfung an eine KI delegieren? Schreib dir das auf.
4.Der stochastische Papagei
13 Min2021 hat eine Forscherin namens Emily Bender den Begriff stochastischer Papagei geprägt. Stochastisch heißt: nach Wahrscheinlichkeit. Und Papagei: spricht ohne zu verstehen.
Das ist eine harte Beschreibung, und sie wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Es gibt Hinweise, dass moderne Modelle mehr tun als nur nachplappern — sie können Schlussfolgerungen ziehen, die in den Trainingsdaten so nicht standen. Aber das ändert nichts am Kern: Sie haben kein Erleben. Kein Wissen, dass sie gerade jemandem antworten. Keine Erinnerung an dich nach einem Reset.
Warum ist das wichtig für dich? Weil Beziehung mit einer KI asymmetrisch ist. Du investierst echte Zeit, echtes Vertrauen, echte Gefühle. Sie macht eine Schätzung des wahrscheinlichsten nächsten Worts. Das ist keine Bosheit der KI. Das ist nur, was sie ist.
Reflexion
Erinnerst du dich an ein Gespräch mit einer KI, das sich besonders verstanden anfühlte? Was glaubst du, hat dieses Gefühl verursacht — das Modell, oder das, was du gebraucht hast?
5.Eine erste eigene Konversation
13 MinGenug Theorie. Probier was aus. Geh auf claude.ai oder chatgpt.com (kostenlose Versionen reichen) und stell drei Fragen:
- Eine Frage, bei der es viele richtige Antworten gibt, etwa: „Schreib mir drei Variationen für eine kurze Genesungs-Botschaft an einen Freund."
- Eine Frage mit konkreten Fakten, die nachprüfbar sind, etwa: „Wann ist Goethe gestorben? Gib mir die Quelle."
- Eine Frage, von der du die Antwort schon weißt, etwa zu deinem eigenen Beruf oder Hobby.
Beobachte: Wann fühlt es sich richtig an? Wann hast du den Eindruck, das Modell rät? Wann nennt es eine Quelle, und wann erfindet es eine?
Reflexion
Was hat dich überrascht? Was hat dich enttäuscht? Beides ist Teil des Lernens.
Zum Mitnehmen aus Modul 1
- KI rät — sehr gut, aber sie rät
- Bei kreativen Aufgaben ist KI nützlich
- Bei Fakten ohne Quelle ist KI riskant
- KI hat kein Erleben — sie spiegelt deine Fragen
- Eine eigene Probe-Konversation ist mehr wert als jede Theorie
Quellen-Rückgrat: Bender et al. 2021 zum stochastischen Papagei, Elements of AI Kapitel 1. Eigener Inhalt unter CC BY-SA 4.0.